Über uns hinaus
Die Gemeinden Aue, Am Hohenzollernplatz und Vaterunser schließen sich zusammen
Gemeindeversammlung am 4. Oktober 2026: Eingangsrede der GKR-Vorsitzenden
Liebe Gemeinde,
es ist schon eine kleine Tradition, dass wir am Erntedankfest zur Gemeindeversammlung zusammenkommen. Ein herzliches Willkommen!
Das Erntedankfest ist für mich ein besonderer christlicher Feiertag, großgeworden auf einem westfälischen Bauernhof, mein Lieblingsfeiertag. In meiner Kindheit und Jugend war es ein großer festlicher Gottesdienst des Dankes und der Gemeinschaft, draußen auf einem der Bauernhöfe, mit Posaunenchor, mit Birken geschmücktem Hofplatz, geschmückten Wagen und mit Erntegaben, die nach dem Gottesdienst gespendet wurden an die ökumenische Einrichtung Bethel. Traditionell danken wir Gott für die Gaben der Ernte, ohne die wir keine Lebensgrundlage haben. Mehr und mehr machen wir uns bewusst, wie wichtig die Bewahrung der Schöpfung und nachhaltiges Handeln sind.
Warum erzählt sie uns das alles, fragen Sie sich? Komm mal zur Sache! Früher war alles besser – nein, früher war nicht alles besser. Ich habe mich an meine frühe Gemeindeerfahrung erinnert, nicht aus Wehmut, sondern als erste Gemeindeerfahrung. Und dann ging es weiter mit mir und den Gemeinden. Ich habe mich verändert und Gemeinden haben sich verändert. Und sie haben sich immer dadurch weiterentwickelt, dass Menschen Aufgaben übernommen haben, sich engagiert um Weiterentwicklung und Gestaltung gekümmert haben. So wie heute hier bei uns in Hohenzollern.
In der Vorbereitung auf diese Gemeindeversammlung ist mir diese Erinnerung als erstes in den Sinn gekommen. Nicht das Konzept der Regionalisierung des Kirchenkreises oder alle Fragen rund um die Fusion. „Es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott“ so singen wir zu Erntedank. Es geht also nicht um meine Früchte, mein Korn, meine Vorräte, mein Haus, meine Kirche. Es geht um Menschen, unseren Glauben, unseren Mut, um Zuversicht. In der jüdischen Tradition werden zum Erntefest Sukkot kleine Laubhütten errichtet, in denen während der Festtage gewohnt wird. Eine Laubhütte mit einem durchlässigen Dach, das genaue Gegenteil von einem Haus. Keine Sicherheit, kein Schutz vor der Witterung, aber offen zum Himmel. Stets bereit zu gehen, bereit für Veränderung.
Wie sieht es bei uns aus? Wir sind auch bereit für Veränderung, auf dem Weg mit der Auengemeinde und der Vaterunser-Gemeinde zu einer neuen Gemeinde. Darüber sind wir seit zwei Jahren im Gespräch, daran arbeiten wir mit Tatkraft und Freude, hier bei uns und auch mit Aue und Vaterunser. Und nun sind wir in konkreten Planungen, nicht jede Gemeinde für sich, sondern miteinander. Eine Fusionsgruppe wurde gebildet aus Vertretungen der Gemeinden, die einen Fahrplan für die Fusion erarbeitet. Über den Stand möchte ich heute berichten und über das, was vor uns liegt. Darüber wollen wir intensiv im Gespräch bleiben mit Euch und Ihnen. Denn dieser Fusionsprozess soll Ende 2027 abgeschlossen sein, und am 1. Januar 2028 starten wir in der neu gebildeten Gemeinde.
Es gibt vielfältige Kontakte und Formen der Zusammenarbeit in diesem Prozess. Das fällt alles nicht Himmel, das will eingeübt sein. Am Anfang ist es oft eine Anstrengung, und über das Kennenlernen und die gemeinsame Arbeit daran wird es zu einem Projekt und dann zum eigenen Anliegen. Das findet auf ganz unterschiedlichen Ebenen statt. Die Pfarrpersonen beraten und planen regelmäßig Gottesdienste. Die Gemeindekirchenräte (GKRs) sind dazu in einem engen und vertrauensvollen Kontakt. Wir haben gemeinsame GKR Klausuren, jetzt schon im zweiten Jahr, planen gemeinsame Sitzungen der GKRs beginnend in 2027. Eine gute Grundlage. An dieser Stelle möchte ich meinen Kollegen aus der Auengemeinde herzlich begrüßen, Yassin Handke, den Vorsitzenden des Gemeindekirchenrats der Auengemeinde. Er ist heute als zuhörender Gast hier, Ihr und Sie werden aber Gelegenheit haben, ihn und den GKR noch kennenzulernen und vice versa. Wir sind regelmäßig in einem freundlichen und offenen Austausch.
Und so sind die Stationen des Fahrplans auf dem Weg zur Fusion zwischen uns abgesprochen - konkrete Vorhaben für die nächsten Monate:
- Ganz zentral das gegenseitige Kennenlernen, gemeinsame Gottesdienste, gemeinsame Feste auch gemeinsame Gemeindeversammlungen. Dafür haben wir 2027 schon konkrete Termine ausgeguckt.
- Im März nächsten Jahres wollen wir die Gemeinden einladen zum gegenseitigen Kennenlernen an einem Ort und wir planen anschließend auch im März eine gemeinsame Gemeindeversammlung an dem anderen Ort.
- Eine ganz wichtige Rolle spielen die Gemeindebeiräte (GBR). Susanne Wiehe, die Vorsitzende des GBR, hat den GBR der Auengemeinde eingeladen in die Hohenzollerngemeinde. Neben dem Kennenlernen ging es um die Vorstellung der verschiedenen Arbeitsbereiche, die ja jeweils in den Gemeindebeiräten vertreten sind.
- Was können wir voneinander lernen, wie können wir die Arbeit mit vereinten Kräften gestalten? Was kann zusammen gehen – inhaltlich wie örtlich. Was kann an einem Ort stattfinden und wann sind zwei Standorte sinnvoll? Das ganz offen auszuloten ist eine zentrale Aufgabe im Fusionsprozess insbesondere mit den Arbeitsbereichen. Auch wird einem in dem Moment bewusst, wo die eigenen Stärken liegen, auf denen wir auch in Zukunft bauen können.
- Und wie wird die konkrete Zusammenarbeit in den Arbeitsbereichen ablaufen – in der Musikverkündigung, der Arbeit mit Kindern und Familien, dem Besuchsdienst, der Arbeit mit älteren Menschen usw.
- Das Thema Gebäude beschäftigt uns – welche Räume brauchen wir für Hauptamtliche und an welchem Standort sollen sie sein. Das Gebäudeensemble Vaterunser wird nicht mehr lange zur Verfügung stehen sondern einer anderen Nutzung zugeführt. Darum ist es wichtig, die Bedürfnisse der Gemeinde an den zwei anderen Standorten mit zu berücksichtigen in alle Entscheidungen. Welche Räume benötigen wir für unsere Gemeindeaktivitäten? An welcher Stelle müssen wir renovieren? Was können wir vermieten, um zusätzliche Einnahmen zu generieren. Wir haben das hier schon sehr gut gemacht in der Hohenzollerngemeinde, darauf können wir bauen.
Zum Thema Gebäude habe ich übrigens eine gute Nachricht: Die Kirchentreppe wird restauriert. Am 1. Oktober ist der Antrag für eine Förderung durch das Denkmalschutzsonderprogramm abgeschickt. Ob wir bis zur Sanierung die Truppe notdürftig reparieren oder eine andere kreative Lösung zur Absicherung finden, beraten wir noch im GKR.
Wie wird nun der Fusionsprozess organisiert? Wie gesagt, eine durch die GKRs gebildete Arbeitsgruppe mit Vertretungen der Gemeinden arbeitet an dem konkreten Fahrplan. Wir informieren – schriftlich wie mündlich - regelmäßig über die einzelnen Stationen auf dem Weg. Uns liegt sehr an Transparenz, wir berichten laufend über den Stand der Dinge und bitten zugleich um Verständnis, wenn bestimmte Informationen auf sich warten lassen. Wir befinden uns in einem Prozess, an dem viele beteiligt sind und die Beteiligungskreise immer größer werden.
Wie soll die neue Gemeinde heißen? Das ist ein ganz konkreter Schritt, ein wichtiges Vorhaben, denn wir suchen einen neuen Gemeindenamen. Keine Gemeinde soll sich unterordnen. Ein neuer Name ist darum die fairste und klügste Lösung. An dieser Namensfindung beteiligen wir alle Gemeindemitglieder, Jung und Alt.
Unsere Kirche (das Gebäude) Am Hohenzollernplatz wird selbstverständlich ihren Namen behalten, das ist historisch geboten. Gleiches gilt für die Auenkirche und die Vaterunser-Kirche. Für das „Gemeindedach“ der fusionierten Gemeinde suchen wir jedoch einen neuen Namen.
Warum ist das wichtig? Es geht um die Identität der neuen Gemeinde, eine Heimat für Menschen aus allen drei Gemeinden, die einander mit Offenheit begegnen in diesem neuen Haus und es ausgestalten. Wie ist das geplant? Es wird ein
Namens-Wettbewerb vom 1. November 2026 bis zum 15. Januar 2027
ausgerufen. Jede und jeder kann mitmachen, Kinder wie Erwachsene. Danach soll eine Kommission aus Mitgliedern aller drei Gemeinden eine engere Auswahl küren, ganz am Ende entscheiden dann die Gemeindeleitungen, die GKRs.
Wie und wo Sie Namensvorschläge einreichen können, wird in einem Flyer beschrieben, der in Kürze überall in der Gemeinde ausliegt und auch über unsere Website auffindbar ist. Wir GKR-Vorsitzenden haben auch verabredet, die Öffentlichkeitsarbeit zukünftig gemeinsam zu gestalten, so dass man in den Gemeindezeitungen und auf den jeweiligen Webseiten die gleichen Informationen findet.
Wir sind auf dem Transformationsweg nicht allein. Alle Gemeinden im Kirchenkreis und auch an anderen Orten in Berlin und Deutschland sind in Veränderungsprozessen: Die Formen sind unterschiedlich: Fusionen, Pfarrsprengel, Großgemeinden. Veränderungen wie sinkende Mitgliederzahlen, weniger Mittel, weniger Personal lassen ein „weiter so“ nicht zu. Da kann man den Kopf in den Sand stecken oder aber mit dem mutmachenden Wort aus dem Römerbrief gehen „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Wir möchten unsere Kräfte über die bestehenden Gemeindegrenzen hinweg bündeln und Energien freisetzen, denn angesichts der großen gesellschaftlichen, demokratischen, friedenspolitischen und ökologischen Herausforderungen wollen wir als Christen und evangelische Kirche nicht nur nach innen sondern nach außen wirken. Viel zu sehr sind unsere Gedanken und Kräfte oft nach innen gerichtet – wir sitzen in Gremien, streiten um Geld, Gebäude, Personal, um Mein und Dein. Der Blick nach außen zu Menschen in Not, die gute Botschaft weitergeben, uns einbringen als Christen, die Stimme erheben für Menschenfreundlichkeit und Demokratie, gegen Diskriminierung und Gewalt – dafür möchten wir unsere Kraft einsetzen.
Mir ist bewusst, dass manche unter uns Sorge haben, das etwas verloren geht von dem was die Hohenzollerngemeinde ausmacht oder traurig sind, dass sich etwas ändert. All das darf sein und hat seinen Raum. Das ist nichts, was wir wegnehmen können. Das hat ohnehin seinen Platz in der Erinnerung, so wie meine Erntedankgottesdienste auf dem Bauernhof. Jede Veränderung im persönlichen Leben geht mit Abschied und Neubeginn einher, das ist im Gemeindeleben nicht anders. Das was wir als Erfahrung mitnehmen aus unserem früheren Gemeindeleben prägt uns, das bringen wir ein in jeden Veränderungsprozess. Das Pfund in diesem Fusionsprozess ist, dass wir ihn selbst gestalten können. Nehmen wir das gemeinsam an – dazu möchte ich ermutigen.
Kommen Sie gerne auf mich, die Pfarrerinnen und Mitglieder des GKRs zu. Bleiben sie nicht alleine damit, teilen Sie sich mit, ihre Fragen, ihren Ärger, ihre Anregungen. Bleiben wir verbunden, im Austausch und Gemeinschaft. Lassen Sie uns das gemeinsam angehen, so wie es Paulus sagt – in Liebe und mit Besonnenheit. Eine gute Ausstattung auf dem Weg.
Ihre
Dr. Annette Niederfranke
Vorsitzende des Gemeindekirchenrats Berlin, im Oktober 2026